HIER WOHNTE HELENE WÜRZBURGER GEB. URI JG. 1864 DEPORTIERT 1942 THERESIENSTADT ERMORDET 14.9.1942 ORT

Am Wollhaus 14 (früher Klarastr. 21)

Corinna Merle, Vivien Schwarz | Mönchseegymnasium Heilbronn

Helene Würzburger, geb. Uri, wurde am 3. Dezember 1864 in Hechingen als eines von zwei Kindern von Adolf und Fanny Uri geboren. Sie heiratete Moritz Würzburger; aus der Ehe zwischen ihnen gingen vier Kinder hervor: Alfred, Fanny, Julie und Leonore. Moritz Würzburger stammte aus Rohrbach. Er war der Sohn von Gustav und Klara Würzburger und hatte zwei weitere Geschwister namens Theodor und Nathan. Der Familie gehörte in Heilbronn die Adlerbrauerei Würzburger. Die Brauerei und der dazugehörige Adlerkeller wurden 1882 von Moritz Würzburgers Vater Gustav Würzburger übernommen. Sie war eine der wichtigsten Brauereien der Stadt; die Brauerei und eine große Brauereigaststätte lagen in der Deutschhofstraße. Nach der Machtübernahme durch die NSDAP wurden der Brauerei zunehmend die Geschäftsgrundlage entzogen. Die Brauereigaststätte in der Deutschhofstraße erlebte 1935 einen Überfall durch Kreisleiter Richard Drauz und die SA, bei dem Alfred Würzburgers Frau Rosa sowie sein Bruder Nathan verletzt wurden. Der Adlerkeller an der Klarastraße diente nun als jüdisches Vereinslokal; zusätzlich beherbergte das Lokal zeitweise die jüdische Schule. Im April 1938 erwarb die benachbarte Kreissparkasse das Areal des Adlerkellers in der Klarastraße, die Brauerei und die Gaststätte in der Deutschhofstraße wurden an die Brauerei Cluss abgegeben. Moritz und Helene Würzburger lebten in einer Wohnung in der Südstraße. Nach dem Tod von Moritz Würzburger im Jahr 1922 blieb Helene Würzburger auch als Witwe zunächst dort wohnen, bis sie 1931/32 in eine Wohnung im Gebäude des Adlerkellers zog. Erst nach dem Verkauf an die Kreissparkasse musste sie umziehen – Wollhausstr. 46, Weststr. 53 und Frankfurter Str. 46 lauten die Adressen in verschiedenen sogenannten „Judenhäusern“. Am 23. März 1942 wurde Helene Würzburger nach Haigerloch deportiert und von dort aus am 22. August nach Theresienstadt weiter transportiert. Dort starb sie am 14. September 1942. Alfred Würzburger, der Sohn von Helene und Moritz Würzburger, lebte mit seiner Frau Rosa Schlesinger und seinen Söhnen im Haus Deutschhofstraße 1. Er emigrierte 1937 nach Israel und von dort aus in die USA. Nach dem Krieg erhob er Rückerstattungsansprüche auf den ehemaligen Besitz der Familie. In einem Rechtsstreit über das Areal des Adlerkellers kam es 1955 zu einer Einigung zwischen der Familie und der Kreissparkasse. Das Areal blieb im Besitz der Kreissparkasse.

HIER WOHNTE BERTA HANAUER GEB. OPPENHEIMER JG. 1880 DEPORTIERT 1941 RIGA ERMORDET HIER WOHNTE ISAAK HANAUER JG. 1882 DEPORTIERT 1941 RIGA ERMORDET HIER WOHNTE MANFRED HANAUER JG. 1909 FLUCHT 1935 PALÄSTINA HIER WOHNTE GERTRUD HANAUER VERH. FARRER JG. 1911 FLUCHT 1937 PALÄSTINA

Cäcilienstr. 26/1 (heutige Einfahrt zu Cäcilienstr. 24/1)

Betreut von Avital Toren und Annette Geisler | Stadtarchiv Heilbronn

Die Familie Hanauer stammt aus Gemmingen. Hier kam am 19. November 1882 Isaak Hanauer zur Welt, der wie sein Vater Kaufmann wurde. Am 28. August 1908 heiratete er Berta, geborene Oppenheimer, die am 5. August 1880 ebenfalls in Gemmingen zur Welt gekommen war. Das Ehepaar bekam drei Kinder, Manfred, geboren am 26. Juni 1909, Gertrud, geboren am 15. April 1911, und Ludwig, geboren am 24. Februar 1913. Um 1928 zog das Ehepaar Hanauer mit den drei Kindern nach Heilbronn. Berta und Isaak erwarben das Haus 26/1 in der Cäcilienstraße. Die Familie wohnte im ersten Stock des zurückgesetzten Hauses, im Erdgeschoss richtete Isaak sein Geschäft für Sattler- und Polsterartikel ein. Für 1933/34 ist im Erdgeschoss auch ein – vermutlich kleines – Geschäft für Schreinereibedarf nachgewiesen, das der jüngste Sohn Ludwig führte. Ludwig starb jedoch bereits am 9. Januar 1934, er liegt auf dem Israelitischen Friedhof im Breitenloch begraben. Der Sohn Manfred flüchtete laut einem handschriftlichen Zusatz in der sogenannten „Judenliste“ der Ratsschreiberei aus dem Jahr 1934 am 19. November 1935 nach Palästina, Tochter Gertrud folgte ihm am 15. Mai 1937 nach. 1936 heiratete Manfred Hanauer Berta Bodenheimer, 1937 wurde als einziges Kind die Tochter Zipora geboren. Manfred arbeitete in Palästina zunächst als Gemüse- und Milchbauer und dann in einer Eier-Sortieranlage. Er starb 1986. Die letzte Adresse des Ehepaares Berta und Isaak Hanauer befand sich in Sontheim, in der Hauptstraße 25. Das ehemalige Schulhaus der kleinen jüdischen Gemeinde in Sontheim diente damals als sogenanntes Judenhaus. Isaak Hanauer gehörte wohl zu jenen 32 jüdischen Mitbürgern und Mitbürgerinnen, die Anfang 1941 zur Zwangsarbeit herangezogen wurden. Am 26. November 1941 wurden die ersten Juden aus Heilbronn in den Tod deportiert. 47 Personen mussten sich auf dem Wollhausplatz einfinden, darunter waren auch Berta und Isaak Hanauer. Sie wurden nach Stuttgart zum Sammellager auf dem Killesberg und von dort aus nach Riga gebracht, wo sie wenig später ermordet wurden. Berta Hanauer wurde 61 Jahre, Isaak 59 Jahre alt. Als Todesdatum wurde für die beiden später der 8. Mai 1945 festgelegt.

HIER WOHNTE BERNHARD HOCHHERR JG. 1870 DEPORTIERT 1942 THERESIENSTADT ERMORDET 31.8.1942 HIER WOHNTE GRETE HOCHHERR VERH. KAUFMANN JG. 1913 FLUCHT 1938 SÜDAFRIKA

Frankfurter Str. 39

Karl-Heinz Vetter, Edingen-Neckarhausen

Bernhard Hochherr wurde als viertes von 12 Kindern der Eheleute Levi Hochherr und Hannchen Kahn am 10. Oktober 1870 in Berwangen geboren. 1898 eröffnete er seine erste Zigarrenfabrik in Massenbachhausen, wo er ab 1900 mit seiner Frau Maria Wertheimer auch wohnte. Dort wurde am 31. August 1901 seine Tochter Ilka geboren. In den Folgejahren gründete Bernhard weitere Produktionsstätten in verschiedenen Orten im Kraichgau; er selbst zog 1908 nach Heilbronn, in die Weinsberger Str. 3, und erwarb 1911 die württembergische Staatsbürgerschaft. Sein Unternehmen erhielt 1911 in Walldorf einen neuen Hauptsitz, bevor es im Jahr der Inflation 1923 nach Heidelberg verlegt wurde. 1937 beschäftigte die Firma in Heidelberg 300 Arbeiter und 15 Angestellte, und in Massenbachhausen ca. 100 Personen. 1909 starb Hochherrs Ehefrau Maria, wenige Monate nach der Geburt der zweiten Tochter Hilda. Bernhard Hochherr heiratete daraufhin im Februar 1910 seine zweite Frau Ida Reis, die Tochter des letzten jüdischen Lehrers in Massenbachhausen. Kurz darauf gründete er eine neue Firma in Heilbronn, „B. Hochherr, Zigarren en gros und Rohtabak“. Die Tochter Hanna Gretchen Hochherr, genannt Grete, kam 1913 zur Welt. Die Familie lebte seit 1917 in Heilbronn im Haus Frankfurter Str. 39; 1926 starb die Ehefrau von Bernhard Hochherr im Alter von 49 Jahren. Bernhard Hochherr und seine Töchter wohnten bis in die 1930er Jahre weiter in der Frankfurter Straße, bevor Hochherr in ein Altersheim in Stuttgart und dann zwangsweise in das Altersheim im Eschenauer Schloss umsiedelte. Seine Firmen waren 1938 „arisiert“ und enteignet worden. Ab 1936 hatte Hochherr keine zusätzlichen Einkünfte mehr, nur noch eine Rente aus seinem früheren Unternehmen in Heidelberg. Zusätzlich erhielt er finanzielle Unterstützung von seinen Brüdern Simon und Ferdinand, seiner Tochter Gretchen und von einem Herrn Hirsch, der nach Amerika ausgewandert war. Im Juli 1941 wurde ihm mitgeteilt, dass die Gestapo alle Zuwendungen untersagt hatte. Seine Lebensversicherungen wurden zwangsverkauft und der Erlös dem Finanzamt überwiesen. Schon im Februar 1941 wurde ihm das Essensgeld im Altersheim Stuttgart gestundet, da er völlig mittellos war. Am 22. August 1942 wurde Bernhard Hochherr von Eschenau über Stuttgart nach Theresienstadt deportiert. Nur wenige Tage später war er tot, am 31. August 1942. In seinem Totenschein ist die sogenannte Dresdner Kaserne als Wohnort angegeben; weiter lesen wir, dass er aus Altersschwäche gestorben sein soll. Bernhard Hochherrs Tochter Gretchen wohnte bis 1936 ebenfalls im Haus Frankfurter Str. 39; sie absolvierte seit 1930 eine Ausbildung zur Bankbeamtin, arbeitete dann bis Ende 1933 beim Heilbronner Bankverein m.b.H. und von Dezember 1934 bis August 1936 bei der Firma Madaform Seifenfabriken. Nach ihrer Kündigung verließ sie Heilbronn und lebte zeitweise als Hausangestellte bei der Familie ihrer Schwester Ilka in Karlsruhe. Sie konnte im September 1938 nach Port Elizabeth, Südafrika auswandern, wo sie ihren Mann Bruno Kaufmann heiratete. Er stammte aus Meckesheim bei Heidelberg, wohnte und arbeitete jedoch seit 1927 für eine Schuhfabrik, „Neuwaren und Reparaturen“ in Heilbronn. Die Heirat fand auf dem Schiff stand, um die Einreiserestriktionen nach Südafrika zu umgehen. Grete und Bruno bekamen drei Kinder: 1940 wurde Sydney Hilton geboren, 1942 Isabel Hester und 1947 kam Lindsay Bernard Michael zur Welt. Grete Hochherr starb mit nur 49 Jahren im November 1962 in Port Elizabeth. Ihr Mann Bruno starb 1994, ebenfalls in Port Elizabeth.

HIER WOHNTE GUSTAV KARLSRUHER JG. 1872 FLUCHT 1935 FRANKREICH INTERNIERT DRANCY DEPORTIERT 1944 ERMORDET IN AUSCHWITZ HIER WOHNTE DORA KARLSRUHER GEB. KLEIN JG. 1878 FLUCHT 1935 FRANKREICH INTERNIERT DRANCY DEPORTIERT 1944 ERMORDET IN AUSCHWITZ

Karlstr. 37

Heidi Brett, Sara Küffer, Annkathrin Volz, Maria Kraus | Stadtbibliothek Heilbronn

Gustav Karlsruher wurde am 23. Oktober 1872 in Heilbronn geboren. Er ist der jüngste Sohn von Moses Karlsruher und seiner Gattin Bertha Reis. Gustav Karlsruher war im Ersten Weltkrieg von 1914 bis 1918 Kriegsteilnehmer. Seine Eltern betrieben eine Lumpensortieranstalt, welche Gustav übernahm. Im Jahr 1919 überschrieb er die Vollmacht zur Firmenleitung dem Kaufmann Wilhelm Schilling. Karlsruher war mit der 1878 in Metz geborenen und dort aufgewachsenen Dora Klein verheiratet. Dort gab es eine große jüdische Gemeinde, deren Spuren bis ins neunte Jahrhundert zurückgehen. Es ist nicht bekannt, wie Dora nach Heilbronn kam. Am 24. August 1907 kam ihr gemeinsamer Sohn Ernst Karlsruher zur Welt. Das Ehepaar lebte bis 1931 in der Wartbergstraße 10, danach im Haus Karlstraße 37, das als letzter freiwillig gewählter Wohnort der beiden gelten kann. Dort lebten sie bis Mitte der 1930er Jahre. Ihr Sohn Ernst Karlsruher wanderte 1928 in die USA aus, wo er seinen Vornamen auf Ernest ändern ließ. Die Eltern verließen Heilbronn 1935, als die Verdrängungsphase der jüdischen Bevölkerung aus dem wirtschaftlichen und kulturellen Leben bereits in vollem Gang war, und flüchteten nach Frankreich, in Doras Heimatstadt Metz. Nach der Besetzung Frankreichs durch die Deutschen wurden sie in Frankreich verhaftet und in Drancy bei Paris interniert. 1944 kam die Deportation nach Auschwitz-Birkenau, wo sie ermordet wurden. Als Todesdatum wird für beide der 30. Juni 1944 angegeben.

HIER WOHNTE BETTY WEISS GEB. ISRAEL JG. 1881 DEPORTIERT 1941 RIGA ERMORDET 1.12.1941

Kirchbrunnenstraße 23 (früher 9 ½)

Lara Gürol, Emily Burroughs, Larissa Liebhardt, Emma Käß | Luise-Bronner-Realschule Heilbronn

Seit etwa 1916 lebte das Ehepaar Hermann und Betty Weiss im Haus Kirchbrunnenstraße 9 ½ (heute Kirchbrunnenstraße 23). Sie betrieben in der angrenzenden Kasernengasse einen Laden für Kleider- und Schuhwaren. Betty Weiss wurde am 11. April 1881 in Eberbach geboren. Ihr Mädchenname war Israel. Über ihre Familie konnten leider keine Informationen ermittelt werden. Betty wohnte in ihrer Kindheit in Wertheim, zog jedoch später aus unbekannten Gründen nach Heilbronn um. Hermann Weiss wurde am 22. November 1881 geboren; sein Geburtsort ist unbekannt. Das Ehepaar hatte keine Kinder. Der Laden des Ehepaars in der Kasernengasse 2 war schon in den 1920er Jahren wirtschaftlich angeschlagen. 1926 bittet Hermann Weiss das Finanzamt, seine Steuervorauszahlungen zu reduzieren, da „durch die Arbeitslosigkeit“ seine Kundschaft „sehr leidet“. Nachdem Hitler und die Nationalsozialisten an die Macht kamen und die Juden zunehmend diskriminiert und unterdrückt wurden, musste das Ehepaar aus ihrem Laden einen Trödelladen machen. Am 19. Dezember 1938 ist Hermann Weiss im Alter von nur 57 Jahren in Heilbronn gestorben. Er wurde auf dem jüdischen Friedhof in Heilbronn begraben; sein Grab besteht heute noch. Ende November 1941 wurde Betty Weiss mit dem ersten Transport von Heilbronn aus zunächst nach Stuttgart gebracht. Von dort aus wurden die Menschen am 1. Dezember nach Riga gebracht und ermordet. Betty Weiss wurde 60 Jahre alt.

HIER WOHNTE ARON „ALFRED“ LINDNER JG. 1883 DEPORTIERT 1942 THERESIENSTADT ERMORDET 28.2.1944 HIER WOHNTE THERESIA LINDNER GEB. SCHWAB JG. 1885 DEPORTIERT 1942 1944 AUSCHWITZ ERMORDET HIER WOHNTE SOFIE SCHWAB JG. 1889 DEPORTIERT 1941 RIGA ERMORDET HIER WOHNTE CILLI LEVI GEB. HIRSCHHEIMER JG. 1881 DEPORTIERT 1942 1944 AUSCHWITZ ERMORDET

Rollwagstr. 14 (früher Innere Rosenbergstr. 14)

Julia Kühlwein, Rita Agirman | Elly-Heuss-Knapp-Gymnasium Heilbronn

Aron Lindner, auch Alfred genannt, wurde am 28. Juni 1883 in Affaltrach, einem Ortsteil der Gemeinde Obersulm im Landkreis Heilbronn, als Sohn von Moses Moritz Lindner und Babette Kahn geboren. Sein älterer Bruder Adolf Linder war 1877 geboren. Theresia Lindner wurde am 31. August 1885 in Rimpar, einem Markt im Landkreis Würzburg, als Tochter von Meda und Gerson Schwab geboren. Die Ehe mit Alfred Lindner blieb kinderlos. Alfred Lindner zog um 1911 von Affaltrach nach Heilbronn, sein Bruder Adolf kam schon einige Jahre früher. Sie gründeten das Manufakturgeschäft „Adolf Linder & Co“, zunächst in einem Haus an der Allee, in dem auch ihre verwitwete Mutter Babette wohnte. Nach dem Ersten Weltkrieg zog die Familie in die damalige Innere Rosenbergstraße (heute Rollwagstraße) um: Adolf Lindner und das Geschäft in das Haus Nr. 12, Alfred und seine Frau Theresia in das Nachbarhaus Nr. 14. Adolf Lindner und seine Familie – sie hatten vier Kinder – konnten fliehen; das Unternehmen der Brüder musste am 15. Dezember 1938 seinen Betrieb einstellen. Alfred und Theresia Lindner blieben in ihrem Haus wohnen, das nun zum Judenhaus wurde. Beide wurden am 26. Mai 1942 nach Oberdorf und von dort aus am 22. August 1942 weiter nach Theresienstadt deportiert. Alfred / Aron Lindner starb am 28. Februar 1944 im Alter von 61 Jahren. Seine Frau Theresia Lindner wurde am 19. Oktober 1944 nach Auschwitz deportiert, wo sie ermordet wurde. Ihr Todestag ist unbekannt. Im Haus Innere Rosenbergstraße 14 (heute Rollwagstr. 14) lebte kurze Zeit auch die Schwester von Theresia Lindner, Sofie Schwab. Sie war unverheiratet und kam am 24. Juli 1939 nach Heilbronn zu ihrer Schwester. Sie war 52 Jahre alt, als sie am 26. November 1941 „nach dem Osten“ deportiert wurde – über Stuttgart nach Riga-Jungfernhof, Außenlager Ghetto Riga. Dort wurde sie ermordet und nach dem Krieg für tot erklärt. Cilly Levi, geborene Hirschheimer, kam am 9. Mai 1881 in Lehrensteinsfeld, eine Gemeinde im Landkreis Heilbronn, zur Welt. Sie war die ältere Schwester von Ida Lindner, die mit Adolf Lindner, dem Bruder von Alfred Lindner, verheiratet war. Adolf und Ida Lindner wanderten im März 1939 nach England aus. Heinrich Levi, der Ehemann von Cilly Levi, war 1935 verstorben; die beiden Kinder des Ehepaars wanderten aus – Flora 1940 in die USA, Max heiratete nach Mannheim und floh von dort gleichfalls in die USA. 1942 wurde die 61-jährige Cilly Levy nach Oberdorf deportiert, einem Ortsteil im baden-württembergischen Bodenseekreis, danach wurde sie nach Theresienstadt transportiert. Zwei Jahre später, am 19. Oktober 1944, wurde sie nach Ausschwitz gebracht, wo sie ermordet wurde. Ihr Todesdatum ist unbekannt.

HIER WOHNTE MARTHA ROTHSCHILD JG. 1902 FLUCHT 1939 HOLLAND INTERNIERT WESTERBORK DEPORTIERT 1942 AUSCHWITZ ERMORDET 30.9.1942

Uhlandstr. 25

Diamant Sadiku, Felix Netzel, Theodor Dinerman | Robert-Mayer-Gymnasium Heilbronn

Martha Rothschild wurde am 25. Oktober 1902 in Eßweiler bei Kusel in der Pfalz geboren. Sie wuchs dort mit ihren fünf Geschwistern (drei Schwestern und zwei Brüder) bei ihren Eltern Siegmund und Blondine Rothschild (geb. Mayer) auf. Der jüdische Kaufmann und seine Familie waren sehr gut in die Dorfgemeinschaft integriert, zum Beispiel als Mitglieder des Gesangvereins. Als sich 1906 die jüdische Gemeinde in Eßweiler offiziell auflöste, waren die meisten Juden bereits weggezogen. In den 1930er Jahren kam Martha Rothschild nach Heilbronn in das Haus Uhlandstraße 25, vermutlich als Dienstmädchen. Im Haus lebte unter anderem der Zigarrenfabrikant Anselm Kahn. 1938 oder 1939 musste Martha Rothschild in das „Judenhaus“ in der Bismarckstraße 27 umziehen; die Familie Anselm Kahn konnte Heilbronn im Juli 1937 verlassen und über Holland in die USA flüchten. Marthas jüngere Schwester Antonie lebte ebenfalls kurzzeitig in dem Haus Bismarckstraße 27; während des Novemberpogroms 1938 war das Eigentum ihrer Eltern in Eßweiler demoliert worden. Kurz darauf wurden Siegmund und Blondine Rothschild nach Frankfurt a.M. gebracht und am 15. September 1942 ins Ghetto Theresienstadt deportiert, wo Blondine nach wenigen Wochen starb. Ihr Mann Siegmund starb dort am 15. Februar 1944. Am 20. Mai 1939 emigrierte Martha Rothschild nach Amsterdam, wohin ihre Schwester Antonie bereits zwei Monate zuvor geflüchtet war. Beide waren dort als Dienstmägde gemeldet. Ein Jahr später wurden die neutralen Niederlande von der deutschen Wehrmacht besetzt und die dortigen Juden deportiert. Unter ihnen befanden sich auch Martha und Antonie Rothschild, die zunächst im Sammellager Westerbork interniert wurden. 1942 wurde Martha nach Ausschwitz deportiert und ihre Schwester am 8. Juni 1943 in das Vernichtungslager Sobibor, wo sie drei Tage später für tot erklärt wurde. Martha Rothschild wurde am 30. September 1942 im Konzentrationslager Ausschwitz ermordet. In der Heilbronner Auswandererliste taucht mit Erna Rothschild noch eine dritte Schwester auf, 1904 in Eßweiler geboren. Sie konnte im April 1939 nach England auswandern und hat wohl überlebt, aber ihr weiteres Schicksal ist bisher nicht bekannt.

HIER WOHNTE GERTRUD OPPENHEIMER GEB. ADLER JG. 1883 DEPORTIERT 1942 IZBICA ERMORDET HIER WOHNTE ALFRED OPPENHEIMER JG. 1909 FLUCHT 1936 PALÄSTINA

Wilhelmstr. 26

Léon Fisel, Mara Pfeffer | Robert-Mayer-Gymnasium Heilbronn

Gertrud Anna Oppenheimer geb. Adler kam am 14. Dezember 1883 als Tochter von Sigmund Adler und Mathilde Stern in Heilbronn auf die Welt. Ihr Bruder Richard Adler wurde am 5. Februar 1889 geboren. Der unverheiratete Ingenieur starb bereits 1918 mit 29 Jahren an den Folgen einer Verwundung, die er sich im Ersten Weltkrieg zugezogen hatte. Am 2. Mai 1907 heiratete Gertrud Adler im Alter von 23 Jahren den elf Jahre älteren Heilbronner Richard Oppenheimer. Gemeinsam lebten sie in Heilbronn in der heutigen Wilhelmstraße 26, die 1938 unter dem NS-Regime in Wiener Straße umgetauft worden war. Ebenfalls im Haus wohnte eine Zeit lang ihr Bruder Eugen Adler (geb. 1886) mit seiner Familie, der 1938 nach Palästina emigrierte. Zwei Jahre nach der Hochzeit kam am 22. Juli 1909 der einzige Sohn Alfred Oppenheimer zur Welt. Fortan pflegte die Mutter und Hausfrau das Wohnhaus und den dazugehörigen Gras- und Baumgarten an der Luisenstraße. Die Oppenheimers waren wohlhabend. Richard Oppenheimer führte gemeinsam mit seinem Cousin Heinrich Oppenheimer und David Freitag das Familienunternehmen Emil Oppenheimer & Cie, eine Darm- und Gewürzhandlung an der Allee 38. Im Zuge der Arisierung wurde die Firma von Otto Ried, vorher Prokurist in der Firma, übernommen, in Ried & Co umbenannt und später verkauft. Angesichts der drohenden Gefahr emigrierte Alfred Oppenheimer am 30. Juni 1936 mit 26 Jahren nach Palästina. Bis dahin war er als angestellter Kaufmann im väterlichen Geschäft tätig. In Palästina arbeitete er als Landwirt in Ramoth HaShavim, einer von jüdischen Immigranten aus Deutschland 1933 gegründeten Moschaw (Siedlung). In Palästina heiratete er Grete Elsass und bekam mit ihr zwei Kinder. Gertrud und Richard Oppenheimer mussten ab 1938 ihr Eigenheim und die Parzelle im Zuge der landesweiten Enteignungen von Juden unter Wert an die Stadt Heilbronn veräußern. Nach Kriegsende strengte Alfred Oppenheimer mit Hilfe eines Stuttgarter Anwalts ein Rückerstattungsverfahren an. Er erhielt nach einigen Jahren eine Zahlung von ungefähr 700 DM. Wie bei vielen anderen Rückerstattungsverfahren jüdischer Familien belief sich also auch in diesem Fall die Entschädigung auf eine geringe Summe, die nicht den Wert des Hauses deckte. Am 20. November 1941 starb der 69-jährige Richard Oppenheimer eines natürlichen Todes. Das Ehepaar lebte zuletzt in einem Judenhaus in der Frankfurter Straße 46. Gertrud Oppenheimer wurde mit dem dritten Transport aus Heilbronn zusammen mit 15 weiteren Personen am 24. April 1942 zunächst nach Stuttgart und von dort am 26. April 1942 ins Vernichtungslager Izbica in Polen deportiert. Hier verlieren sich ihre Spuren.